Matchbericht: SG Wohlen-Mutschellen vs. TV Steffisburg (Mobiliar-Cup)

Nummer 5 lebt

Handball kann manchmal ungerecht sein. Was sich am Mittwochabend in der Wohler Hofmattenhalle abspielte, war ein sportliches Drama. Die SG Wohlen-Mutschellen dominierte phasenweise den höherklassigen Gegner aus der NLB. Doch nach der Verlängerung jubelt dennoch Steffisburg – hauptsächlich wegen eines Spielers.

(Stefan Sprenger, Sportredaktor BBA/WA) Stille. Ungläubiges Kopfschütteln. Die 150 Zuschauer, die diesen tollen Sportabend erlebt haben, können es nach Schlusspfiff kaum glauben. Es gibt kein Happy End. Unter den Augen von Handball-Nationaltorhüterin Seraina Kuratli, dem früheren Profifussballer Gerardo Viceconte (beim HC Mutschellen für das Sponsoring zuständig) und Felix Bingesser, dem früheren Sportchef des «Blick», ereignet sich ein Krimi, der in einer kleinen Cup-Trägödie endet.

Sein 16. Tor entscheidet

Nur noch acht Sekunden sind in der Verlängerung zu spielen, als Steffisburg einen Penalty erhält. Yanic Baumann tritt an und versenkt eiskalt. 37:38. Schlusspfiff. Cup-Aus.

Der letzte Akt ist sinnbildlich für den ganzen Match. Yanic Baumann, der Rückraumspieler mit der Nummer 5, erzielt mit diesem letzten Penalty sein 16. Tor (!). Der 23-Jährige, der bei Wacker Thun schon in der NLA spielte, ist die Lebensversicherung für die Steffisburger. Alles läuft über ihn. Er trifft, er bereitet vor, er fällt clevere Entscheide. Im Jahr 1986 gab es einen Science-Fiction-Film mit dem Titel «Nummer 5 lebt!». Dort lehnt sich ein Roboter gegen alle auf. Und ähnlich ist es in jenem Spiel in der Hofmattenhalle. Einer gegen alle. Ohne die Nummer 5 wäre Steffisburg ausgeschieden.

Die SG Wohlen-Mutschellen, die mit einem Sieg und einer Niederlage in die 1.-Liga-Saison gestartet ist, führt gegen die NLB-Mannschaft aus Steffisburg beinahe die gesamte Spieldauer. Die Abwehr steht stabil. Die Offensive wirbelt. Routinier Amer Zildic (9 Tore) führt Regie, Francesco Biffiger (8) hat im Rückraum starke Szenen, Fabian Rubi (6) ist eiskalt am Flügel, Goalie Dario Koch (32 Prozent Abwehrquote) hat prägende Phasen. Zur Pause führt der Aussenseiter (15:13). Die Überraschung liegt in der Luft. Besonders, weil Steffisburg – ein junges Team mit vielen Talenten – teilweise etwas überheblich auftritt.

Nach der Dominanz folgt das Zittern

Das ändert sich auch in der zweiten Halbzeit nicht. Im Gegenteil. Das Heimteam dreht noch mehr auf. Nach 41 Minuten steht es 22:17 für Wohlen-Mutschellen. In dieser Phase dominierte das Freiämter 1.-Liga-Team die NLB-Truppe aus dem Berner Oberland. Auch elf Minuten vor Schuss führt das Heimteam noch mit 26:22. Dann kassiert die SG Wohlen-Mutschellen eine Zwei-Minuten-Strafe der beiden wackligen Schiedsrichter. Das Heimteam zittert, macht Fehler – und Yanic Baumann dreht die Partie. 54. Minute: Steffisburg führt plötzlich 26:27.

Das unglaubliche Tor von Biffiger

Das 18-jährige Eigengewächs Timo Schneider erzielt im Anschluss das 27:27. Der Dottiker gehört zu den besten Freiämtern auf dem Platz. «Wir haben richtig stark gekämpft und uns gegen ein höherklassiges Team enorm gut verkauft», sagt Schneider, der in der Firma von Präsident Andreas Stierli (Planea AG) als Lehrling in der Gebäudetechnikplanung arbeitet.

In den letzten fünf Minuten legt Steffisburg vor – und die Freiämter ziehen nach. Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit gibt es die volle Ladung Krimi und Drama. Steffisburg führt 30:31 – und trifft den Pfosten. Das Heimteam lanciert den letzten Angriff. Francesco Biffiger wirft, der Goalie fälscht ab, der Ball küsst erst den linken und dann den rechten Pfosten – und kullert über die Linie. Die Sirene erklingt. Auf der Tribüne wird ausgelassen gejubelt. 31:31. Ein unglaubliches Tor bringt die Verlängerung. In diesen zweimal fünf Minuten entscheiden Kleinigkeiten. Steffisburg deckt Spielmacher Zildic eng – und sorgt so für Verwirrung beim Heimteam. Vermutlich entscheidend sind die Sekunden gleich vor und nach dem neuerlichen Seitenwechsel, da erzielen die Steffisburger innert 17 Sekunden zwei Tore, ziehen auf 33:35 davon. Die SG Wohlen-Mutschellen kämpft sich zurück, bis acht Sekunden vor Ende der ersten Verlängerung steht es 37:37. Dann entscheidet der Penalty von 16-Tore-Mann Baumann diesen stürmischen Cup-Abend.

Der junge Timo Schneider spricht das aus, was viele denken: «Es ist enorm schade, wir hätten den Sieg verdient. Aber wir dürfen dennoch stolz sein auf unsere Leistung in diesem richtig geilen Spiel.» Die Freiämter hatten 18 technische Fehler und 20 Fehlwürfe – beides eher hohe Quoten. Dennoch war ihr Auftritt sackstark. Schneider sagt: «Wenn wir in der Meisterschaft so auftreten, dann sieht es gut aus. Denn wir können auch die Favoriten ärgern.»

Das sagt der Trainer

(Christoph A. Hajagos) Trainer Alex Milosevic ist nach dem aufreibenden Duell mit dem NLB-Team aus Steffisburg sichtlich gezeichnet. Er stellt seinem Team ein gutes Zeugnis aus. «Das war ein toller, harter Kampf. Da sind sich zwei Teans auf Augenhöhe begegnet, obwohl auf dem Papier ein Klassenunterschied herrschte. Wir haben Steffisburg an den Rand einer Niederlage gedrängt, mit mehr Wettkampfglück könnten wir feiern. Leider haben wir in unserer besten Phase, als wir mit fünf Toren führten, einige leichtfertige Fehler gemacht, das haben sie eiskalt ausgenutzt. Steffisburg hatte manchmal auch das Glück auf seiner Seite.»

Auch Andreas Stierli (Präsident Handball Wohlen) findet lobende Worte. «Das hat grossen Spass gemacht, dem Team zuzusehen. Wenn man als unterklassiges Team den Favoriten phasenweise vorführt, zwischenzeitlich mit fünf Toren führt, dann hat man einiges richtig gemacht.» Stierli hofft, dass es so weitergeht. «Wenn wir diese starke Leistung mitnehmen können, mache ich mir für die Zukunft keine Sorgen. Da wächst eine richtig gute Truppe zusammen.» Am 26. September gehts für Wohlen-Mutschellen auswärts in Olten weiter.