Erst Lüftchen, dann Tornado
1. Liga: SG Wohlen-Mutschellen – KTV Muotathal 39:35 (16:21)
Ein krasser Fehlstart, keine einzige Goalie-Parade und ein fahriger Auftritt. Die erste Halbzeit der Freiämter ist erschreckend. Was danach folgt, ist aber sackstark. Die SG Wohlen-Mutschellen zündet ein Feuerwerk und fegt wie ein Tornado über die Muotathaler.
Das Team startet so dürftig wie die Verpflegung in der Burkertsmatt. Aufgrund eines Missverständnisses bleibt das (extern geführte) «Burki-Bistro» in der Halle zu. Und auf dem Handballfeld spielt sich ein kleiner Horrorfilm ab. Nach 10 Minuten liegt das Heimteam 2:9 zurück. Es scheint, als wäre man überrumpelt davon, dass die Muotathaler kämpfen und Vollgas geben. «Wir haben den Start komplett verschlafen und wurden vom Tempo des Gegners überrascht», sagt Wohlens Joshua Schmid.
Torhüter haben zur Halbzeit keine einzige Parade
Der Auftritt des ganzen Teams ist schwach. Besonders die Abwehrarbeit ist ein laues Lüftchen. Ein krasser Fakt: Das Goalie-Duo Janis Weber und Dario Koch verzeichnet keine einzige Parade in der ersten Halbzeit. Immerhin: Das Team von Trainer Alex Milosevic fängt sich. Zumindest ein bisschen. Nach 20 Minuten steht es 10:17. Mit der Pausensirene trifft Francesco Biffiger zum 16:21.
In der Pause gibt es für die Zuschauer keine Wurst in der Beiz, dafür erhalten die Spieler vermutlich eine knackige Brandrede des Trainers. Auf jeden Fall scheint Alex Milosevic die richtigen Worte in der Kabine gefunden zu haben. Die SG Wohlen-Mutschellen schaltet nun kontinuierlich einen Gang höher. Nach 41 Minuten steht es 25:28. Alles offen für die Schlussphase.
Und nun läuft der Motor. Auch weil sich Muotathals Jan Gwerder nach 43 Minuten am Knie verletzt und nicht mehr mittun kann. Gwerder ist bis zu jenem Zeitpunkt mit sieben Toren der beste Skorer und die prägendste Figur der Innerschweizer. Während der Gast immer mehr an seine Grenzen stösst, klappt es bei der SG Wohlen-Mutschellen nun deutlich besser. Auch die Goalies erwachen – und besonders Dario Koch zeigt innert weniger Minuten mehrfach wichtige Paraden. Auf Muotathaler Seite bleibt die Torhüterleistung konstant unterirdisch. Am Ende der Partie ist die Abwehrquote bei 9 Prozent (nur vier Paraden von total 43 Würfen). In der Abwehr packen die Freiämter nun viel besser zu und sind frischer in den Beinen – und Köpfen. Im Angriff sind Joshua Schmid (8 Tore) und Francesco Biffiger eiskalt. Beide haben nur einen Fehlschuss. Und in der Schlussphase wirbelt der 18-jährige Timo Schneider (4) wie ein Tornado durch die Muotathaler Abwehr. Er schiesst Tore und «holt» Strafen heraus. Routinier Amer Zildzic (11) läuft ebenso zur Höchstform auf. Er bringt Emotionen, Aggressivität, Tore – und führt das Team zum Sieg.
Zildzic sieht Rot und peitscht das Publikum an
20 Sekunden vor dem Ende kassiert Zildzic seine dritte Strafe und sieht die Rote Karte. Er peitscht beim Hinauslaufen das Publikum an und erntet Applaus. Zu jenem Zeitpunkt ist die Partie zugunsten des Heimteams bereits entschieden. Zildzic sagt: «Ich möchte das Comeback der ganzen Mannschaft hervorheben. Obwohl wir zur Pause zurücklagen, haben wir weiter an uns geglaubt und nie aufgegeben. Dass wir diese Partie noch drehen und gewinnen, war wirklich eine starke Teamleistung.» Muotathal wurde zermürbt.
Trainer Alex Milosevic spricht von «Mentalitätsmonstern» und ist natürlich happy: «Ich bin unglaublich stolz auf diese Truppe. Wie sie den Fehlstart korrigiert und die entsprechende Reaktion auf den deutlichen Rückstand gezeigt hat, verdient grösstes Lob. Ich möchte da niemanden herausheben, das ganze Team stand im Zentrum.» Und er hofft, dass es auch nächsten Samstag (18 Uhr) beim Auswärtsspiel beim HSC Suhr Aarau II so erfolgreich weitergeht.
Ein Happy End – auch im Beizli
Aus dem anfänglichen Horrorfilm wurde am letzten Samstag ein Krimi mit romantischem Happy End. Auch, was die Verpflegung anbelangt: Denn der HC Mutschellen hat kurzerhand Wasser, Eistee und Bier eingekauft und spontan selbst eine kleine Bar eingerichtet für die Fans. Es lief auch im Beizli – nach holprigem Start – sehr flüssig. - spr/ch